Berufswahl Paradox

 
1978 war ich zur sog, Berufsberatung beim Arbeitssamt Würzburg geladen.
Ich musste einen Fragebogen ausfüllen, der im Anschluss gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes besprochen wurde. Aus dem Gespräch heraus sollten dann die Neigungen und versteckten Talente Auskunft  darüber geben, welchen Beruf man einmal mit großer Leidenschaft ausüben werde.
 
Eine Frage auf dem Bogen lautete: „Könnten Sie einem Huhn ohne mit der Wimper zu zucken den Hals herum drehen“? Auch ich wunderte mich seinerzeit über diese absurde Frage und suchte nach Kurt Felix und den Kameras der Sendung „Verstehen sie Spaß?“, wollte diese aber ehrlich beantworten und setzte deshalb mein Kreuzchen beim „Ja“.
Ich kürze das Gespräch mit dem psychologisch geschulten Mitarbeiter an dieser Stelle ab und nenne hier nur den Beruf, der mir als Lehrberuf nahe gelegt wurde: „Metzger.“
 
Das mein Opa gelernter Metzger war und mein Vater einen ausgezeichneten roten & weißen Pressack selber machen kann, wusste dieser Mitarbeiter nicht.

Ich habe also nichts gegen den Beruf des Metzgers, aber tief in meinem aufgewühlten Inneren hatte ich den leisen Verdacht, dass die Frage nach dem Huhn eine Fangfrage war.

 
Weder kam ich blutverschmiert zum Vorstellungsgespräch, noch habe ich dieses Funkeln eines Sensenmannes in den Augen, dass jedes Schwein freiwillig in die Verkaufstheke springen lassen würde.

Ich war damals eine wirklich feine, fast dandyhafte Erscheinung, war modisch immer on top und sogar mein Vater nickte mich in manch seltener, aber herzlicher Zuneigung als Feingeist.

Meine Hände versprachen la dolce Vita und nicht den Tot und dann das. Metzger. 

Sollte ich das traurige Erbe meiner Mutter fortsetzen und ein ganzes Berufsleben lang nach warmen Leberkäse riechen? Am liebsten hätte ich in diesem Moment dem Mitarbeiter des Arbeitsamtes den Hals herum gedreht, aber das war ja sein Plan - mein comming out als Metzger.

 
Ich fing dann im September 1979 eine Lehre als Dekorateur bei der Fa. Schlier in Würzburg an und hatte keine Ahnung, was ein Dekorateur überhaupt macht, aber es sollte sich heraus stellen, das es ein wunderbarer Beruf ist und meinen Neigungen und Talenten eher entsprach, als der eines Metzgers.
Die Liste der Schulabgänger und deren Lehrberufe zum Abschlussjahr 1979 in Gaukönigshofen lies sich seinerzeit etwa so: 25 Frisösen, 33 Automechaniker, 12 Maurer, 6 Metzger (ich war da nicht dabei), 4 Verkäuferinnen, 1 Dekorateur – das war ich.
 
Wie sich zu meinem Glück heraus stellen sollte, war die Fa. Schlier das führende Unternehmen des Einzelhandels in Würzburg und eine echte Talent-Schmiede an exzellenten Dekorateuren. Ich bin noch heute mit einem von denen befreundet.
Wir machten schon damals im Team Ideenfindung durch Diskussion, später nannte das die aufgeblasene Welt der Werbungstreibenden dann „Brainstorming“. Unsere Blickfänge konzipierten und bauten wir selbst. Wir tischlerten, töpferten, malten, gestalteten was das Material zu lies und manchmal darüber hinaus.
Es war wie Basteln im Kindergarten nur das es nicht für Deine Eltern bestimmt war, sondern für die Menschen da draußen. Natürlich hatte der Job auch seine kleinen Schattenseiten (welcher Beruf hat das nicht). Da waren zum einen die langen Arbeitszeiten und der schlechte Verdienst und dann die Temperaturen in den Schaufenstern. Im Sommer von hand gemessene 48 Grad und im Winter Minus 22 Grad waren da keine Seltenheit. Im ungünstigsten Falle musste man einen Hundehaufen vor dem Schaufenster entfernen, während die schönsten Mädchen Würzburgs vor einem Schlange standen – gleich nebenan war ein angesagter, italienischer Eisladen.
 
Nach meiner Ausbildung kam es zu weiteren befristeten Verträgen zwischen mir und der Fa. Schlier, welche immer durch deren hervorragenden Personaler, Herrn Schmitt fixiert wurden.
Herr Schmitt war es auch, der mir trotz eines nicht gerade überragenden Zwischenzeugnisses der Neunten Klasse (meinem damaligen Bewerbungszeugnis) , die Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz gab. Ich habe Ihm viel zu verdanken, denn ich hatte das Gefühl, das er an mich und meine Fähigkeiten glaubte.  

Ich freue mich, dass ich auch heute noch einen guten Kontakt zu diesem Hause, insbesondere zur Abt. Dekoration habe. Der Beruf hat mich geprägt und ich rieche nicht nach warmen Leberkäse.

 
Einige Jahre später, ich war damals Anfang Zwanzig, dachte ich sogar darüber nach, mich als Dekorateur selbstständig zu machen. Ich war Arbeitslos und machte das ein oder andere Fenster nebenbei.
Alls meinen messbar größten Erfolg als Dekorateur würde ich heute im nachhinein das Fenster vom Uhrenmacher Groß aus Giebelstadt bezeichnen.
Ich hatte die Auslage als Goldgräbernest dekoriert und Gold lackierte Kieselsteine, nebst Goldgräberutensilien im Fenster neben den Uhren und anderen Schmuckwaren gelegt.
Der Sand mit leichtem Goldstaub machte die kleine Goldgräbernest-Idylle perfekt.
Das Fenster stand genau 3 Tage, dann war es ausgeraubt. Richtig, die Scheibe war eingeworfen und der Dieb hatte alles mitgenommen. Auch meine Goldnuggets und einen Großteil des Goldstaubes. Ich war stolz darauf, dass meine Nuggets auch gleich mit verschwunden waren und konnte den Uhrenmacher von der hervorragenden PR Wirkung überzeugen. Der Raub war nicht nur orts- sondern fast schon Gau-Gespräch und fand einen Artikel in der Würzburger Mainpost. Peter, dem Uhrenmacher war natürlich nicht zum Lachen zumute, aber die Versicherung sollte den Großteil des Schadens übernehmen. Die Mühe, auf steigenden oder fallenden Goldpreise am Markt zu achten, machte ich mir allerdings nicht.
 
Zurück zum Thema: Selbstständig.
Der Verdienst war gut und so dachte ich mir:“ Klaus, wenn du 15 feste Kunden hast, dann melde ein Gewerbe an“: Ich entwarf mir meine eigenen Visitenkarten, schnappte mir den Opel von Opa Ludwig und machte mich auf den Weg.
Ich hatte nach einem viertel Jahr 27 feste Kunden und wollte nicht mehr selbstständig werden.
Es waren Optiker, Textilunternehmen, Schuh-/ und Uhrenläden – alles wirklich tolle Kunden, bis auf ein Raumausstattungsunternehmen aus Kitzingen. Die Liste seiner Hinterhältigkeiten ist lange und die meiner daraus gezogenen Erfahrungen ebenfalls – ich konnte das nicht machen. Für die kreativen und organisatorischen Aufgaben war ich der richtige, aber  beim Geschäfte machen war ich zu sensibel, der Job ging mir an die Nieren und ich suchte mir einen festen Job.
Ich war also jung und brauchte das Geld. Was fällt einem da spontan ein?

Klaus am 2.3.09 12:00

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen