Wilhelm Tell lässt grüßen

Das Sommerprojekt
 
Stellen Sie sich die nun folgende Geschichte im Stile einer Manga-Erzählung  vor,  -das sind japanische Comiczeichnungen-, in denen tennisballgroße Kinderaugen aus verschmitzten, hübschen Kindergesichtern blicken und sich in hypnotisierende, schwindelerregende kunterbunte Zeitkreisel scheinbar verlieren.
Da ist etwas, dass über ihr Fassungsvermögen hinaus geht.
 
So erging es mir an einem heißen Sommertag im Jahre 1972. Ich war gerade mal 9 Jahre alt und spielte mit meinem Bruder Michael im Hof unserer Eltern.
Wir hatten diesen Sommer den Helden in Strumpfhosen gewidmet.
Nein, nicht meiner Mutter und den anderen Frauen aus der Nachbarschaft.
Ich dachte da eher an Robin Hood und anderen „Pfeil und Bogen Helden“ aus allen uns bekannten Epochen.
Egal aus welchem Jahrhundert und aus welchem Land, egal welchem Geschlechtes (nein, vergessen Sie das mit dem Geschlecht). Unsere Helden hießen Spartacus, -ich weiß jetzt gar nicht ob der Pfeil und Bogen hatte-, Winnetou -der hatte bestimmt gleich mehrere-, Marco Polo, der letzte Mohikaner, Wilhelm Tell und viele mehr.
Es war damals irgendwie so üblich, dass sich die meisten Kinder und Jungendliche aus dem Dorf für ein paar Wochen einer gewissen Sache verschrieben hatten.
 
So hatten wir uns im Sommer des Vorjahres dem Thema „Höhlenbau“ gewidmet. Höhlen aus Ästen und Blättern in Wäldern, Höhlen unter Strohballen auf dem Kornspeicher großer Scheunen, Höhlen in allen machbaren Varianten. Man traf sich und baute wild darauf los. Es war einfach herrlich und hatte einen Hauch von Abenteuer.
Es vereinte das halbe Dorf an Kindern – wir waren wohl so etwas wie der Pioniergeist der Städtebauer J.
Eines war aber auch klar, über all diesen „Sommerprojekten“  schwebte immer noch „Gott Fußball“. Man findet immer mal wieder eine Sache, der man sich gerne widmet, aber die Kugel muss immer rollen.
 
Nun waren Pfeil und Bogen für diesen Sommer der Feldforschung frei gegeben. Man tauschte sich in Materialkunde, Flugbahnverhalten und Rekordflugzeiten aus. Man frischte sein Halbwissen mit Filmen der angesprochenen Helden auf.
 „Welches schweißabsorbierende Material verwendest du denn für deinen Griff?“ waren die Spetz-Platz-Themen.
Zugegeben hatten wir uns damals weniger technisch ausgedrückt, aber inhaltlich war es schon so.
 
Wir hatten uns von Joachim, genannt „Joah“ und Roland, genannt „Omme“ das Bogen bauen und Pfeile schießen abgeschaut. Die beiden Jungs waren schon 16 Jahre alt. Es waren unsere Alltagshelden, Jungs zu denen wir hoch geschaut haben. Beide waren damals schon 1,80 mtr und später beide fast 2 mtr groß. Sie waren sportlich, sahen gut aus. Sie waren cool und sie waren unsere Nachbarn. Das bedeutet, wir hatten das „Erst-zugriffs-recht“ auf Ihr Wissen und Ihre Freundschaft. Ich denke, die beiden mochten uns auch ein wenig.
Sie waren wie zwei große Brüder.
 
Um nicht ganz den Faden zu verlieren zurück zum Thema. Die beiden hatten uns in die hohe Kunst des Bogenbauens eingewiesen. Im Laufe des Sommers  haben wir durch vielfaches Wechseln der verschiedensten Hölzer, der Bogensehnen und allem was sonst noch so dazu gehört, versucht, einen guten Wettkampfbogen zu bauen. Nachdem alle Register unseres Unwissens gezogen waren, stand das Ergebnis fest:: „alles Kinderkacke“ „Wir brauchen echte Pfeile, sonst taugt der beste Bogen nichts“.
 
Kaum hatten wir unsere Gedanken ins Universum geschickt (da macht man heute so, wenn man sich etwas wünscht), da stand auch schon die Lösung auf zwei Beinen vor uns.
Richard – nein nicht Löwenherz in Fiktion, sondern Richard in Realität, unser Onkel Richard.
Er war für uns jener Versorgungsoffizier, den Toni Curtis in „Unternehmen Petticoat“ zum besten gab. Der konnte wirklich alles besorgen.
Übrigens spielte Toni Curtis auch mal Prinz Eisenherz und der konnte ja auch gut mit Pfeil und Bogen.
Schon gut - Wir benötigten also Pfeile mit Metallspitze und „Er“ (Onkel Richard, nicht Toni) konnte sie besorgen.
 
Ich weiß, was jetzt in Ihren Köpfen vorgeht. „Das ist Verantwortungslos, so ein Rabenonkel, wie kann der nur“... stimmt, aber der Bogen ward in voller Vorfreude gespannt und nun hatten wir auch die Pfeile, die sonst keiner im ganzen Dorf hatte.
Ein geübter Bogenschütze hätte mit dieser Ausrüstung leicht ein Karnickel erlegen können, und dazu wäre es bestimmt auch irgendwann gekommen, wäre da nicht jener ereignisreiche Nachmittag im Sommer 72 gewesen.
 
Michael und ich kletterten an diesem Tag in kurzer Hose, mit Sandalen und einem Strohhute bekleidet (es war sehr heiß über die 1,73 hohe Bruchsteinmauer hinter unserem Haus, um auf das offene Gelände gegenüber zu gelangen. Bogen und Köcher mit Pfeilen hatten wir uns wie einst die großen Vorbilder über den Rücken geschnürt,
 
Dort war im direkten Anbau an den Kindergarten ein langes, schmales Gebäude in dem sich eine Kegelbahn befand. Das komplette Gelände gehörte der katholischen Kirche und als gute Christen war es unsere verdammte Pflicht, das Gelände wie unsere Westentasche zu kennen. Die besten Voraussetzungen also, für einen guten Jagdtag.
 
 
 
 
Eine etwa 4 mtr. breiter Grünstreifen trennte das Gebäude der Kegelbahn mit einer dazu parallel verlaufenden mannshohen Ahornhecke. Am Ende des Grünstreifens, quasi zwischen Kegelbahn und Ahornhecke stand ein großer Apfelbaum, der Früchte trug.
 
Michael nahm sich einen Apfel vom Boden, während ich nach hinten mit gespanntem Bogen das Gelände sicherte, wie das Kinder in Rollenspielen so tun.
 
Als ich zu Ihm hinüber blickte, war da diese einmalige, für einen Jäger äußerst reizvolle Einstellung, wie sie Michael Ballhaus, der wohl bekannteste deutsche Kameramann nicht besser hätte inszenieren können.
Ich beschreibe es am besten mit folgenden Worten: „durch diese hohle Gasse muss er kommen“. Das ist ein Zitat aus Wilhelm Tell und es traf die Situation, wie einst der Pfeil des Vaters den Apfel auf dem Kopfe seines Sohnes.
 
Sollten Sie nun leise Zweifel beim Lesen dieser Geschichte beschleichen, so tauschen Sie dieses gegen Unbehagen ein. Ich schwöre Ihnen bei der Druckerfarbe auf dieser Seite, dass es sich genau so abgespielt hat, wie es geschrieben steht.
 
Natürlich machte es Michael nicht dem kleinen vom Willi Tell gleich und legte den Apfel auf den Kopf, aber er stand da und hatte den Apfel in der Hand. Just in diesem Moment, als Michi in den Apfel beißen wollte, spannte ich den Bogen mit einem Pfeil auf der Sehne sitzend durch. Der Pfeil mit der Metallspitze lag ruhig auf dem Holz des Bogens, ich hatte das Ziel fest  im Visier.
 
Ich hatte wirklich nie die Absicht zu schießen und hörte noch wie Michael sagte „hör auf mit dem Scheiß“.
Ich selbst stammelte zurück: „ich kann nicht mehr halten“ als  sich im gleiche Moment der Pfeil, katapultiert von der zum zerreisen gespannten Sehne vom Bogen löste.
 
Statt den Bogen wieder zu entspannen oder einfach nur in eine andere, für Michael ungefährlichere Richtung zu wenden, hielt ich wie hypnotisiert mit dem Pfeil auf Ihn. Meine dünnen, schwachen Ärmchen, die damals dem Durchmesser eines Pritt -Kleberollstiftes glichen, fingen das zittern an, meine Hände wurden feucht und so kam es wie es kommen musste.
 
In meiner damaligen Wahrnehmung schien der Pfeil ewig unterwegs gewesen zu sein. Die Geschehnisse schienen sich in Zeitlupe abzuspielen, die Flugbahn betrug lediglich geschätzte 10 -12 mtr.
Der Pfeil durchtrennte Atmosphäre, Raum und Zeit und ...den Apfel, der sich unmittelbar vor dem Gesicht meines Bruder in seiner rechten Hand befand.
 
Ich traute meinen Augen kaum.
Hatte ich tatsächlich meinem einbissbereiten Bruder den Apfel aus der Hand geschossen?
Das der Pfeil bespickt mit dem Apfel sein Ziel im Stamme des Baumes fand, war mir in diesem Moment schnurz egal, der Ordnung halber und mit etwas unangebrachtem Stolz sei es hier erwähnt.
 
Michael starrte mich fassungslos an - „Weiß“ wie die vielzitierte Wand und mir wurde es ganz warm um meine Oberschenkel. Ich pullerte mich voll, konnte das Wasser wie schon den Bogen nicht halten.
Wenig Heldenhaft- zugegeben, aber dafür mit zwei trockenen Augen davon gekommen.
 
Auf dem nachhause Weg nahm mich Michael tröstend in den Arm.
Wir versprachen uns gegenseitiges Stillschweigen zu bewahren und vernichteten Pfeil und Bogen noch am gleichen Tage.
Dieses „spannende“ Thema war für diesen Sommer gestorben.
 
In viele Nächten träumte ich von diesem Vorfall und was hätte passieren können. 
 
Viele Jahre später erzählte ich es meiner Mutter bei einer gemütlichen Tasse Kaffee.
Fast hätte Sie der Schlag getroffen.
 
Gut, dass Mütter nicht alles wissen. Es gab viele Sommer.

Klaus am 2.3.09 11:52

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