Mia's Geburt

Brief an Mia:
Wir haben uns wieder beruhigt.
Mittlerweile sind fast 5 Monate ins Land gegangen –damals habe ich diese Zeilen verfasst-
In diesen 5 Monaten haben sich solch große Veränderungen und  Einschnitte in mein Leben und noch mehr in Christines Leben ergeben, dass es dafür nur einen Namen gibt „Mia“.
Am Samstag den 20.08. 2005 hat Christine bereits beim Frühstück davon gesprochen, dass Sie Unterleibschmerzen hat. Leichte wohl gemerkt und nach kurzer Selbstdiagnose als Magenverstimmung oder Übelkeit diagnostiziert - Wunschdenken.
Selbst wenn Christine –hochschwanger- schon die Eröffnungswehen gehabt hätte, wäre ihr die alternative eines verdorbenen Magens eher in den Sinn gekommen, als das beginnende Finale einer Geburt.
Wir sind also noch einmal alle Mahlzeiten der vergangenen Tage im Geiste durchgegangen.
Entwarnung! Es haben wohl keine Verbrüderung von Schimmelbakterien mit Lebensmitteln statt gefunden, aber das war ja eigentlich auch klar.

Ich habe mich also auf den Weg in die Stadt gemacht. Ein paar Besorgungen, nichts großes. Es war ein sehr schöner, sonniger Tag.

Mein Arbeitskollege Rainer lief mir dabei über den Weg und wir gönnten uns die Zeit auf einen Milchkaffee im Schönborn, als gegen 11.30 mein Handy klingelte. CHRISTINE stand da auf meinem Display umrahmt von 3 kleinen Glöckchen die tanzten, was im übrigen immer so ist bei Anrufen, deren Absender im Adressbuch stehen.
Schon seit Freitag hatte ich jenes beklemmende Gefühl in der Magengegend, das man vor den meisten großen, wirklich großen Ereignissen bekommt. Ein streich der Natur oder doch eine Lebensmittelvergiftung?
Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken, als am anderen Ende der Leitung eine vertraute Stimme sagte:“ Ich glaube es geht langsam los. Kannst du bitte ganz schnell nach Hause kommen“:
Ich eilte so schnell es ging nach Hause und all diejenigen, die ich bei diesem „Trip“ über den Haufen rannte oder nicht gegrüßt hatte, mögen es mir verzeihen.
Ich kam mir vor, wie Jonny Depp auf Drogen in „Leaving Vegas“.
Alles war verzerrt, unwirklich, rauschte an mir vorbei.
Magensäure krabbelte in meiner Brust nach oben. Kann Magensäure eigentlich krabbeln? Egal.
Als ich dann nach Hause gekommen, erwarteten mich Christine und Ihre Freundin Martina „die Anwältin“. Es gibt zwei Martinas in Christines Leben. Ich handhabe die Benamung wie Ermittler in einem Raymond Chandler Krimi. Joe die Lippe oder Bob der Schneider  findet man immer, wenn man am Tresen fragt. Keine Nachnamen.
Die zweite im Bunde ist also Martina die Weltreisende. Selbsterklärend, wie ich finde.
Es wäre Christine furchtbar peinlich gewesen, wenn wir in die Klinik gefahren wären und das ganze hätte sich als „Fehlalarm“ entpuppt. Deshalb haben wir auch alle Register aus dem Fundus der 6 Kurse an der Hebammenschule gezogen, die wir Wochen zuvor über uns ergehen ließen.
 

Uhrenvergleich, Zeiterfassung auf einem Stück Papier (ich glaube ich hab das noch). Wann tut’s weh, wann lässt der Schmerz nach? Die Abstände wurden kürzer. Nur noch 30 Minuten, statt der vollen Stunde. Nur noch 15, 12, 10 Minuten.

Nun noch der Trick, der den Profi vom Leihen unterscheidet. Ein warmes Sitzbad in der Wanne. Wenn sich dieser bestimmte Schmerz auch hier noch ungeniert fortsetzt, dann ist es wohl doch keine Magenverstimmung und wir bekommen ein Baby.

Christine musste schon etwas in dieser Art geahnt haben, da sie alles Notwendige für einen Besuch im Krankenhaus vorbereitet hatte.
Die legendäre „Tasche“ war gepackt! Wir fuhren also in die Uniklinik! Um genau zu sein in die Frauenklinik und um noch genauer zu sein zur Entbindungsstation. Endlich durfte ich auch auf diesen heiligen Boden parken, für den man eigens eine Parkerlaubnis beim Pförtner erwerben musste. Es waren nur 6 Parkplätze, nicht mehr.
6 – Zufall, dass ich mit dieser Trikotnummer meine größten sportlichen Erfolge feierte?
Endlich hatte der Bauch von Christine auch für mich seine Vorteile.
Ich war entschädigt worden für die letzten 9 Monate – Nein, mit der 9 hatte ich keine großen Erfolge.
Schnell fanden wir den Weg zur Eingangsuntersuchung.
Echte Wehen! Wowh! Es sind tatsächlich echte Wehen, keine Magenverstimmung. Wir durften bleiben. Christine viel ein Stein vom Herzen. Allerdings wurden nun die Schmerzen immer schlimmer und das in immer kürzeren Abständen. Notwendiges musste erledigt werden. Den Darm entleeren und die Herztöne des Babys beobachten. Bis auf die Darmgeschichte war ich nun ständig an Christines Seite.
Eine sehr streng wirkende Ober-Hebamme (diese Art First-Drill-Sergeant aus den frühen Schwarz-weiß Western, bei denen noch Mickey Rooney die Hauptrolle des guten Helden gepachtet hatte) ermutigte uns auf einen kleinen Spaziergang im Garten der Klinik. Nein, Sie hatten keinen Zigarrenstumpen im Mundwinkel und ja, die Schmerzen wurden heftiger und die Abstände kürzer, wie dass so sein muss.
Christine hat diese Art Schmerzen zu unterdrücken, von denen sich Doppelagenten beim Verhör eine Scheibe abschneiden könnten. Nur ein zusammenkneifen der Augen, ein zerquetschen der Gegenstände, die sie gerade in oder besser an der Hand hatte und ein Jammern - kein Schreien.
War das Jammern von mir weil sie mir gerade die Finger zerquetschte? Egal.
Nach einer guten Viertelstunde gingen wir zurück und bekamen unseren Kreissaal zugewiesen.
Nein, nicht die Nummer 6, wie kommst Du denn darauf.
Ich war Positiv überrascht in Sachen Einrichtung. Weder erinnerte es an das viel zitierte Schlachthaus, noch war alles mit grauen Fließen übersäht. Ein Bett, ein Waschbecken, eine kleine Sitzgruppe. Das war’s. Einen Fernseher hatte ich erhofft, machte dann aber besser kein großes Aufsehen darum. Wir bekamen alle halbe Stunde Besuch von der Ober-Hebamme in Begleitung einer Auszubildenden. Mittlerweile war es früher Abend – ca. 18.00 Uhr und wir entschlossen uns, eine PTA (Rückenmarknarkose) legen zu lassen. Bei Christine, nicht bei mir.
Der sehr nette Anästhesist legte die Leitungen sehr fachmännisch, worauf hin es Christine gleich etwas besser ging.
Durch die ständige Kontrolle waren wir stets auf dem Laufenden.
Muttermund nun 4 cm geöffnet. Muttermund nun 6 cm geöffnet. Fruchtblase gegen 22.00 Uhr geplatzt. Alles im grünen Bereich. „So muss es sein“ lagen mir die Worte der Hebamme noch im Ohr, als uns mitgeteilt wurde, die Kleine hätte sich ungünstig gedreht und steckt nun mit Ihrem Kopf im Geburtskanal fest. So können sie nur per Kaiserschnitt zur Welt kommen. Was dann geschah ähnelte schon mehr meinen düsteren Vorstellungen, mit denen ich angereist war. Die Chefärztin der Frauenklinik, zwei weitere Ärzte, eine Ober-Hebamme und zwei ausgebildete Hebammen waren in purem Aktionismus.
Alle 30 Minuten ein Fitnessscheck des Kindes und der Mutter.
Man stelle sich vor: Mit einer kleinen Spitze wird die Kopfhaut des Kindes angeritzt um Blut zu entnehmen. Damit rennt dann der Assistenzarzt ins Labor und ermittelt die Fitnesswerte des Ungeborenen.
Alle 30 Minuten Stellungswechsel der Mutter. Immer wieder die Frage: „Frau Schröder, es ist Ihre Entscheidung – machen wir noch einen Versuch?“
Viele Hände tasteten im Laufe der Nacht Mias Köpfchen durch den Unterleib Ihrer Mutter ab. Für mich schon fast an der Grenze des zumutbaren. Christine ließ all das ohne Jammern und Klagen über sich ergehen, sie hatte nur diese Angst in Ihren Augen stehen. Beide wart ihr wirklich sehr tapfer und stark. Du hast gekämpft wie eine Löwin und hattest bis Sonntag früh um 3.45 Uhr konstante Werte. Dann wurde das Risiko zu groß. Man einigte sich auf den Kaiserschnitt. Alles ging sehr schnell. Christine wurde in den OP geschickt und entsprechend vorbereitet. Ich warf mich in meine OP Klamotten und spürte den Spirit von Emergency Room, der Lieblingsserie deiner Mama. Ich war für einen Moment George Clooney. Nach kurzer Zeit im Warteraum durfte ich wieder zu Christine. Sie war mit vielen Schläuchen und Justierbändern an den Handgelenken versehrt. Ihr Blick war nun noch ängstlicher, ihr Körper zitterte stark.
Hinter einer blauen Abdeckung standen die Chefärztin, ein weiterer Arzt und ein Assistent. Ein kurzes „Ok, wir fangen nun an“ gefolgt von Blutspritzern an der blauen Stoff-Abdeckung ließen mich in eine Art Lethargie verfallen. Zum ersten mal an diesem Abend fühlte ich eine kurze Phase der Erschöpfung in mir hochkommen. Christine bat mich, mit ihr zu reden, so kam ich wieder zu Sinnen. Die Sekunden nahmen kein Ende, bis endlich das Schreien von Mia zu hören war.
Augenblicklich schossen Christine Tränen der Freude in Ihre Augen und spülten die Zeichen der Angst hinfort. Es schien, als hattest du ein außergewöhnliches Organ, wie einstimmig das fachkundige Publikum vernehmen lies. Nach kurzer Grundreinigung bekam ich Dich in meine Arme gelegt. Zerknittert mit einem weißen „etwas“ überzogen und rotem Kopf lagst Du da und sahst uns beide an. Diesen Moment bedauert Christine bis heute noch, weil bei einer Geburt ohne Komplikationen und Kaiserschnitt die kleine Erdenbewohnerin Mia in Ihre Arme gelegt worden wäre.
Mütter haben das auch verdient.
Erst im Nachhinein begann ich zu begreifen, was es bedeutet ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. Solche Mütter fühlen sich in den ersten Wochen und Monaten nicht vollwertig, fühlen sich als Versagerrinnen. Von den Schmerzen der Operation und deren Folgen wie Narbenbildung mal ganz abgesehen. Ich denke, ein Mann kann das nicht ganz verstehen. Gerade wenn einer wie ich gesehen hat, wie tapfer seine Frau war.
Für das Kind stellt es sich noch Komplizierter dar. Von fehlenden wichtigen Enzymen, die sich das Kind über die Schleimhäute im Geburtskanal holt, über das buchstäbliche „herausreisen“ aus dem Mutterleib bis hin zu „Versagensgefühlen“ weil die Anstrengungen des Kindes nicht durch eine normale Geburt belohnt wurden ist in den Fachbüchern die Rede.
In der Tat benötigtest Du sehr lange, um „anzukommen“ im Leben außerhalb des behüteten Mutterleibes. Wie können sich Frauen aufgrund ästhetischer Argumente nur dazu bewegen lassen, den Kaiserschnitt einer normalen Entbindung vorzuziehen.
 
Zurück zu den Geschehnissen: Die neue Kleinstfamilie befand sich nun in der Warteschleife, was mich erstmals an diesen Abend sehr wütend werden lies. 2 Stunden lang passierte nichts.
Erst später erfuhr ich davon, dass es sich bei der Prozedur um die Stabilisierung aller Beteiligten handelte. Und da war dann noch eine Schwester, die wie aus dem nichts hinter einem Vorhang erschien und mit grellem Blitzlichtgewitter das erste Foto von Dir schoss. Papparazzis in der Uniklinik dachte ich.  „Für die Entbindungsstationsstatistik und ein Erinnerungskärtchen“ sagte sie.
Mia, die sich zu diesem Zeitpunkt in den Armen ihrer Mutter wieder beruhigt hatte, ergriff erneut das Wort und schlug erfolgreich den Feind in die Flucht. Unsere Blicke trafen sich in der bereits bestätigten Befürchtung, welch stimmgewaltige Tochter wir da haben.
Der Vollständigkeit halber für die Ingenieure dieser Welt noch folgende technische Daten:
Mia Schröder, 21.08.2005 * 04.19 Uhr* 48 cm * 3080 gr. 
Gegen kurz vor Neun Uhr Morgens, war es für mich an der Zeit meinen Triumph gebührend zu genießen. Will sagen ich benötigte dringend eine gute Tasse Kaffee. Ich fuhr, wohl wissend um den stabilen Zustand meiner Lieben ins Kaffee Haupelshofer, bestellte eine Tasse Milchkaffee und ein Croissant mit Nutella. Ich muss wohl wie eine Schaufensterfigur da gesessen sein. Meine Gedanken schweiften in die Ferne und ich genoss diesen Zustand des „fallen lassen“.
Zufall, dass ich mal Dekorateur gelernt habe? Egal!
Ist das gerade eben alles mir passiert? Bin ich nun tatsächlich Vater einer Tochter?
Zuhause angekommen beschäftigte ich mich mit unwichtigen Aufräumarbeiten, rief Christines Familie (erst Schwester Steffi und anschließend die Eltern) an und meldete mich bei Mama zum Mittagsessen an. „Christine geht’s so lala, sie hat sich etwas hingelegt und ich bin eh in der Gegend“ ließ ich wissen und freute mich auf die Gesichter meiner Eltern beim Verkünden der frohen Botschaft.
Draußen in Giebelstadt – meiner Heimat – angekommen konnte ich nur ein paar Minuten warten, dann kam gespielt ganz nebenbei die Info um die Enkeltochter. Alles kam wie erwartet. Mama weinte und Papa schaute mich an, wie er das immer tut. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Angekommen!
Apropos weinen: Als ich beim aufräumen im Radio Elvis mit „In the Ghetto“ hörte, machte ich mich aufs Sofa um inne zu halten. Eine Träne kullerte über meine rechte Wange.
Angekommen!
 

Ich war und bin auch heute noch sehr stolz auf das, was Christine und Mia in diesen 18 Stunden geschafft und ausgehalten haben. Nicht zu vergessen die 10 Monate Schwangerschaft, in denen Christine kein Risiko einging. Ab dem ersten Tag keinen Alkohol. Keine Tabletten, immer gesundes Essen auf dem Tisch und viel Bewegung. So wie meine Mama das bei mir und meinem großen Bruder Michael gemacht hat. Wenn du, liebe Mia dich einfach mal so bedanken willst, weil du so zauberhaft bist, wie du eben bist, dann geh zu deiner Mama und bedank dich bei Ihr.

Klaus am 19.2.07 12:19

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Heiko (19.5.09 14:03)
Grandios!!!
Bitte mehr davon!

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