Hab mein Rohr verloren

Sommer 1983 auf einem Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide.

Ich war 19 Jahre, Wehrpflichtiger und als Richtschütze auf dem Schützenpanzer „Marder“ einer von 9 Besatzungsmitgliedern. Wir befanden uns in einer sogenannten „Freilaufenden Übung“, was soviel bedeutete, wie „Auf erkannten Feind Feuer frei“ – selbstverständlich mit Übungsmunition.

Ich beobachtete durch meine Zielvorrichtung einen als Feind markierten Panzer auf 12.00 Uhr  200 Meter voraus. Der Befehl zum Feuern kam und....„da klemmt was“. Schnell noch mal alles überprüfen. Hier noch ein Rädchen drehen, da einen Knopf drücken und los. 
 Nun gab es auch den erhofften Knall, allerdings viel intensiver, als ich jemals zuvor eine Marder Bordkanone feuern gehört hatte. – Was noch? Nebel!
Eine so starke Rauchbildung hatte es vorher nie gegeben.

Kommandant Schindler befahl den sofortigen Rückzug in die gedeckte Stellung. Manni der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein und walzte alles Organische unter Zwei Metern nieder. Nun sollte es nicht mehr lange dauern, bis wir über Funkspruch des Schiedsgerichtes die Bestätigung über den Abschuss erhielten.

Wir kauerten in unserem engen, dunklen, auf 40 Grad erhitztem „Loch auf Ketten“, sahen uns schon vom Titelblatt der kommenden Ausgabe „Das Heer“ einträchtig heruntergrinsen, aber.. es kam nichts. Stille! Hatten wir wirklich nur Übungsmunition geladen?

Eine scheinbare Ewigkeit verging. Mein Kommandant entschloss sich, einen Blick über die Einstiegsluke aus dem Panzer zu werfen. Er sah hinaus. Dann ein Blick, der nichts Gutes verheißen sollte zurück. Schaute wieder hinaus und war den Tränen nahe.

Wir hatten unser eigenes Rohr abgeschossen! Die Kanone verloren, weg geworfen, entsorgt.
Nennen es, wie du willst.

Das Ding lag ca. 60 mtr vor uns im Waldboden und dampfte vor sich hin.

Einen Panzer ohne Kanone nimmt niemand wirklich ernst. Ich war für das Ding verantwortlich. Ich war erledigt. Die soeben eingetroffenen Schiedsrichter begutachteten das Debakel und belasteten unser Punktekonto schließlich mit ausreichend Strafpunkten, um aufzugeben. Nicht wegen des Rohrabschusses, sondern weil wir beim Bergen des selbigen keine Helme getragen hatten und den Luftraum außer acht gelassen hatten.

Das mit dem Rohr hatten die uns sowieso nicht abgenommen.

Ich musste einige Verhöre über mich ergehen lassen. Das für den Abend anberaumte Fußball Lagerderby „Nachschub gegen Jäger“ durfte ich nur angucken, statt mitzuspielen - wo ich doch gesetzt war.

Bei meiner Rückkehr in die Stammeinheit wurde ich empfangen wie Kutzop in Bremen nach seinem verschossenen Elfmeter gegen die Bayern.
Ich wurde frei von Schuld gesprochen – Untersuchungen ergaben, dass das Waffengehäuse einen Haarriss hatte – Viele Grüße an Manni - den Fahrer, Müller - den Funker und Hauptfeld Schindler.

Ich denke mal, das passiert auch nicht jedem.

 

Klaus am 16.2.07 16:40

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AlohaDan / Website (19.2.07 13:43)
Ja, die guten, alten Bundi-Geschichten...

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