Wilhelm Tell lässt grüßen

Das Sommerprojekt
 
Stellen Sie sich die nun folgende Geschichte im Stile einer Manga-Erzählung  vor,  -das sind japanische Comiczeichnungen-, in denen tennisballgroße Kinderaugen aus verschmitzten, hübschen Kindergesichtern blicken und sich in hypnotisierende, schwindelerregende kunterbunte Zeitkreisel scheinbar verlieren.
Da ist etwas, dass über ihr Fassungsvermögen hinaus geht.
 
So erging es mir an einem heißen Sommertag im Jahre 1972. Ich war gerade mal 9 Jahre alt und spielte mit meinem Bruder Michael im Hof unserer Eltern.
Wir hatten diesen Sommer den Helden in Strumpfhosen gewidmet.
Nein, nicht meiner Mutter und den anderen Frauen aus der Nachbarschaft.
Ich dachte da eher an Robin Hood und anderen „Pfeil und Bogen Helden“ aus allen uns bekannten Epochen.
Egal aus welchem Jahrhundert und aus welchem Land, egal welchem Geschlechtes (nein, vergessen Sie das mit dem Geschlecht). Unsere Helden hießen Spartacus, -ich weiß jetzt gar nicht ob der Pfeil und Bogen hatte-, Winnetou -der hatte bestimmt gleich mehrere-, Marco Polo, der letzte Mohikaner, Wilhelm Tell und viele mehr.
Es war damals irgendwie so üblich, dass sich die meisten Kinder und Jungendliche aus dem Dorf für ein paar Wochen einer gewissen Sache verschrieben hatten.
 
So hatten wir uns im Sommer des Vorjahres dem Thema „Höhlenbau“ gewidmet. Höhlen aus Ästen und Blättern in Wäldern, Höhlen unter Strohballen auf dem Kornspeicher großer Scheunen, Höhlen in allen machbaren Varianten. Man traf sich und baute wild darauf los. Es war einfach herrlich und hatte einen Hauch von Abenteuer.
Es vereinte das halbe Dorf an Kindern – wir waren wohl so etwas wie der Pioniergeist der Städtebauer J.
Eines war aber auch klar, über all diesen „Sommerprojekten“  schwebte immer noch „Gott Fußball“. Man findet immer mal wieder eine Sache, der man sich gerne widmet, aber die Kugel muss immer rollen.
 
Nun waren Pfeil und Bogen für diesen Sommer der Feldforschung frei gegeben. Man tauschte sich in Materialkunde, Flugbahnverhalten und Rekordflugzeiten aus. Man frischte sein Halbwissen mit Filmen der angesprochenen Helden auf.
 „Welches schweißabsorbierende Material verwendest du denn für deinen Griff?“ waren die Spetz-Platz-Themen.
Zugegeben hatten wir uns damals weniger technisch ausgedrückt, aber inhaltlich war es schon so.
 
Wir hatten uns von Joachim, genannt „Joah“ und Roland, genannt „Omme“ das Bogen bauen und Pfeile schießen abgeschaut. Die beiden Jungs waren schon 16 Jahre alt. Es waren unsere Alltagshelden, Jungs zu denen wir hoch geschaut haben. Beide waren damals schon 1,80 mtr und später beide fast 2 mtr groß. Sie waren sportlich, sahen gut aus. Sie waren cool und sie waren unsere Nachbarn. Das bedeutet, wir hatten das „Erst-zugriffs-recht“ auf Ihr Wissen und Ihre Freundschaft. Ich denke, die beiden mochten uns auch ein wenig.
Sie waren wie zwei große Brüder.
 
Um nicht ganz den Faden zu verlieren zurück zum Thema. Die beiden hatten uns in die hohe Kunst des Bogenbauens eingewiesen. Im Laufe des Sommers  haben wir durch vielfaches Wechseln der verschiedensten Hölzer, der Bogensehnen und allem was sonst noch so dazu gehört, versucht, einen guten Wettkampfbogen zu bauen. Nachdem alle Register unseres Unwissens gezogen waren, stand das Ergebnis fest:: „alles Kinderkacke“ „Wir brauchen echte Pfeile, sonst taugt der beste Bogen nichts“.
 
Kaum hatten wir unsere Gedanken ins Universum geschickt (da macht man heute so, wenn man sich etwas wünscht), da stand auch schon die Lösung auf zwei Beinen vor uns.
Richard – nein nicht Löwenherz in Fiktion, sondern Richard in Realität, unser Onkel Richard.
Er war für uns jener Versorgungsoffizier, den Toni Curtis in „Unternehmen Petticoat“ zum besten gab. Der konnte wirklich alles besorgen.
Übrigens spielte Toni Curtis auch mal Prinz Eisenherz und der konnte ja auch gut mit Pfeil und Bogen.
Schon gut - Wir benötigten also Pfeile mit Metallspitze und „Er“ (Onkel Richard, nicht Toni) konnte sie besorgen.
 
Ich weiß, was jetzt in Ihren Köpfen vorgeht. „Das ist Verantwortungslos, so ein Rabenonkel, wie kann der nur“... stimmt, aber der Bogen ward in voller Vorfreude gespannt und nun hatten wir auch die Pfeile, die sonst keiner im ganzen Dorf hatte.
Ein geübter Bogenschütze hätte mit dieser Ausrüstung leicht ein Karnickel erlegen können, und dazu wäre es bestimmt auch irgendwann gekommen, wäre da nicht jener ereignisreiche Nachmittag im Sommer 72 gewesen.
 
Michael und ich kletterten an diesem Tag in kurzer Hose, mit Sandalen und einem Strohhute bekleidet (es war sehr heiß über die 1,73 hohe Bruchsteinmauer hinter unserem Haus, um auf das offene Gelände gegenüber zu gelangen. Bogen und Köcher mit Pfeilen hatten wir uns wie einst die großen Vorbilder über den Rücken geschnürt,
 
Dort war im direkten Anbau an den Kindergarten ein langes, schmales Gebäude in dem sich eine Kegelbahn befand. Das komplette Gelände gehörte der katholischen Kirche und als gute Christen war es unsere verdammte Pflicht, das Gelände wie unsere Westentasche zu kennen. Die besten Voraussetzungen also, für einen guten Jagdtag.
 
 
 
 
Eine etwa 4 mtr. breiter Grünstreifen trennte das Gebäude der Kegelbahn mit einer dazu parallel verlaufenden mannshohen Ahornhecke. Am Ende des Grünstreifens, quasi zwischen Kegelbahn und Ahornhecke stand ein großer Apfelbaum, der Früchte trug.
 
Michael nahm sich einen Apfel vom Boden, während ich nach hinten mit gespanntem Bogen das Gelände sicherte, wie das Kinder in Rollenspielen so tun.
 
Als ich zu Ihm hinüber blickte, war da diese einmalige, für einen Jäger äußerst reizvolle Einstellung, wie sie Michael Ballhaus, der wohl bekannteste deutsche Kameramann nicht besser hätte inszenieren können.
Ich beschreibe es am besten mit folgenden Worten: „durch diese hohle Gasse muss er kommen“. Das ist ein Zitat aus Wilhelm Tell und es traf die Situation, wie einst der Pfeil des Vaters den Apfel auf dem Kopfe seines Sohnes.
 
Sollten Sie nun leise Zweifel beim Lesen dieser Geschichte beschleichen, so tauschen Sie dieses gegen Unbehagen ein. Ich schwöre Ihnen bei der Druckerfarbe auf dieser Seite, dass es sich genau so abgespielt hat, wie es geschrieben steht.
 
Natürlich machte es Michael nicht dem kleinen vom Willi Tell gleich und legte den Apfel auf den Kopf, aber er stand da und hatte den Apfel in der Hand. Just in diesem Moment, als Michi in den Apfel beißen wollte, spannte ich den Bogen mit einem Pfeil auf der Sehne sitzend durch. Der Pfeil mit der Metallspitze lag ruhig auf dem Holz des Bogens, ich hatte das Ziel fest  im Visier.
 
Ich hatte wirklich nie die Absicht zu schießen und hörte noch wie Michael sagte „hör auf mit dem Scheiß“.
Ich selbst stammelte zurück: „ich kann nicht mehr halten“ als  sich im gleiche Moment der Pfeil, katapultiert von der zum zerreisen gespannten Sehne vom Bogen löste.
 
Statt den Bogen wieder zu entspannen oder einfach nur in eine andere, für Michael ungefährlichere Richtung zu wenden, hielt ich wie hypnotisiert mit dem Pfeil auf Ihn. Meine dünnen, schwachen Ärmchen, die damals dem Durchmesser eines Pritt -Kleberollstiftes glichen, fingen das zittern an, meine Hände wurden feucht und so kam es wie es kommen musste.
 
In meiner damaligen Wahrnehmung schien der Pfeil ewig unterwegs gewesen zu sein. Die Geschehnisse schienen sich in Zeitlupe abzuspielen, die Flugbahn betrug lediglich geschätzte 10 -12 mtr.
Der Pfeil durchtrennte Atmosphäre, Raum und Zeit und ...den Apfel, der sich unmittelbar vor dem Gesicht meines Bruder in seiner rechten Hand befand.
 
Ich traute meinen Augen kaum.
Hatte ich tatsächlich meinem einbissbereiten Bruder den Apfel aus der Hand geschossen?
Das der Pfeil bespickt mit dem Apfel sein Ziel im Stamme des Baumes fand, war mir in diesem Moment schnurz egal, der Ordnung halber und mit etwas unangebrachtem Stolz sei es hier erwähnt.
 
Michael starrte mich fassungslos an - „Weiß“ wie die vielzitierte Wand und mir wurde es ganz warm um meine Oberschenkel. Ich pullerte mich voll, konnte das Wasser wie schon den Bogen nicht halten.
Wenig Heldenhaft- zugegeben, aber dafür mit zwei trockenen Augen davon gekommen.
 
Auf dem nachhause Weg nahm mich Michael tröstend in den Arm.
Wir versprachen uns gegenseitiges Stillschweigen zu bewahren und vernichteten Pfeil und Bogen noch am gleichen Tage.
Dieses „spannende“ Thema war für diesen Sommer gestorben.
 
In viele Nächten träumte ich von diesem Vorfall und was hätte passieren können. 
 
Viele Jahre später erzählte ich es meiner Mutter bei einer gemütlichen Tasse Kaffee.
Fast hätte Sie der Schlag getroffen.
 
Gut, dass Mütter nicht alles wissen. Es gab viele Sommer.

1 Kommentar Klaus am 2.3.09 11:52, kommentieren

Berufswahl Paradox

 
1978 war ich zur sog, Berufsberatung beim Arbeitssamt Würzburg geladen.
Ich musste einen Fragebogen ausfüllen, der im Anschluss gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes besprochen wurde. Aus dem Gespräch heraus sollten dann die Neigungen und versteckten Talente Auskunft  darüber geben, welchen Beruf man einmal mit großer Leidenschaft ausüben werde.
 
Eine Frage auf dem Bogen lautete: „Könnten Sie einem Huhn ohne mit der Wimper zu zucken den Hals herum drehen“? Auch ich wunderte mich seinerzeit über diese absurde Frage und suchte nach Kurt Felix und den Kameras der Sendung „Verstehen sie Spaß?“, wollte diese aber ehrlich beantworten und setzte deshalb mein Kreuzchen beim „Ja“.
Ich kürze das Gespräch mit dem psychologisch geschulten Mitarbeiter an dieser Stelle ab und nenne hier nur den Beruf, der mir als Lehrberuf nahe gelegt wurde: „Metzger.“
 
Das mein Opa gelernter Metzger war und mein Vater einen ausgezeichneten roten & weißen Pressack selber machen kann, wusste dieser Mitarbeiter nicht.

Ich habe also nichts gegen den Beruf des Metzgers, aber tief in meinem aufgewühlten Inneren hatte ich den leisen Verdacht, dass die Frage nach dem Huhn eine Fangfrage war.

 
Weder kam ich blutverschmiert zum Vorstellungsgespräch, noch habe ich dieses Funkeln eines Sensenmannes in den Augen, dass jedes Schwein freiwillig in die Verkaufstheke springen lassen würde.

Ich war damals eine wirklich feine, fast dandyhafte Erscheinung, war modisch immer on top und sogar mein Vater nickte mich in manch seltener, aber herzlicher Zuneigung als Feingeist.

Meine Hände versprachen la dolce Vita und nicht den Tot und dann das. Metzger. 

Sollte ich das traurige Erbe meiner Mutter fortsetzen und ein ganzes Berufsleben lang nach warmen Leberkäse riechen? Am liebsten hätte ich in diesem Moment dem Mitarbeiter des Arbeitsamtes den Hals herum gedreht, aber das war ja sein Plan - mein comming out als Metzger.

 
Ich fing dann im September 1979 eine Lehre als Dekorateur bei der Fa. Schlier in Würzburg an und hatte keine Ahnung, was ein Dekorateur überhaupt macht, aber es sollte sich heraus stellen, das es ein wunderbarer Beruf ist und meinen Neigungen und Talenten eher entsprach, als der eines Metzgers.
Die Liste der Schulabgänger und deren Lehrberufe zum Abschlussjahr 1979 in Gaukönigshofen lies sich seinerzeit etwa so: 25 Frisösen, 33 Automechaniker, 12 Maurer, 6 Metzger (ich war da nicht dabei), 4 Verkäuferinnen, 1 Dekorateur – das war ich.
 
Wie sich zu meinem Glück heraus stellen sollte, war die Fa. Schlier das führende Unternehmen des Einzelhandels in Würzburg und eine echte Talent-Schmiede an exzellenten Dekorateuren. Ich bin noch heute mit einem von denen befreundet.
Wir machten schon damals im Team Ideenfindung durch Diskussion, später nannte das die aufgeblasene Welt der Werbungstreibenden dann „Brainstorming“. Unsere Blickfänge konzipierten und bauten wir selbst. Wir tischlerten, töpferten, malten, gestalteten was das Material zu lies und manchmal darüber hinaus.
Es war wie Basteln im Kindergarten nur das es nicht für Deine Eltern bestimmt war, sondern für die Menschen da draußen. Natürlich hatte der Job auch seine kleinen Schattenseiten (welcher Beruf hat das nicht). Da waren zum einen die langen Arbeitszeiten und der schlechte Verdienst und dann die Temperaturen in den Schaufenstern. Im Sommer von hand gemessene 48 Grad und im Winter Minus 22 Grad waren da keine Seltenheit. Im ungünstigsten Falle musste man einen Hundehaufen vor dem Schaufenster entfernen, während die schönsten Mädchen Würzburgs vor einem Schlange standen – gleich nebenan war ein angesagter, italienischer Eisladen.
 
Nach meiner Ausbildung kam es zu weiteren befristeten Verträgen zwischen mir und der Fa. Schlier, welche immer durch deren hervorragenden Personaler, Herrn Schmitt fixiert wurden.
Herr Schmitt war es auch, der mir trotz eines nicht gerade überragenden Zwischenzeugnisses der Neunten Klasse (meinem damaligen Bewerbungszeugnis) , die Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz gab. Ich habe Ihm viel zu verdanken, denn ich hatte das Gefühl, das er an mich und meine Fähigkeiten glaubte.  

Ich freue mich, dass ich auch heute noch einen guten Kontakt zu diesem Hause, insbesondere zur Abt. Dekoration habe. Der Beruf hat mich geprägt und ich rieche nicht nach warmen Leberkäse.

 
Einige Jahre später, ich war damals Anfang Zwanzig, dachte ich sogar darüber nach, mich als Dekorateur selbstständig zu machen. Ich war Arbeitslos und machte das ein oder andere Fenster nebenbei.
Alls meinen messbar größten Erfolg als Dekorateur würde ich heute im nachhinein das Fenster vom Uhrenmacher Groß aus Giebelstadt bezeichnen.
Ich hatte die Auslage als Goldgräbernest dekoriert und Gold lackierte Kieselsteine, nebst Goldgräberutensilien im Fenster neben den Uhren und anderen Schmuckwaren gelegt.
Der Sand mit leichtem Goldstaub machte die kleine Goldgräbernest-Idylle perfekt.
Das Fenster stand genau 3 Tage, dann war es ausgeraubt. Richtig, die Scheibe war eingeworfen und der Dieb hatte alles mitgenommen. Auch meine Goldnuggets und einen Großteil des Goldstaubes. Ich war stolz darauf, dass meine Nuggets auch gleich mit verschwunden waren und konnte den Uhrenmacher von der hervorragenden PR Wirkung überzeugen. Der Raub war nicht nur orts- sondern fast schon Gau-Gespräch und fand einen Artikel in der Würzburger Mainpost. Peter, dem Uhrenmacher war natürlich nicht zum Lachen zumute, aber die Versicherung sollte den Großteil des Schadens übernehmen. Die Mühe, auf steigenden oder fallenden Goldpreise am Markt zu achten, machte ich mir allerdings nicht.
 
Zurück zum Thema: Selbstständig.
Der Verdienst war gut und so dachte ich mir:“ Klaus, wenn du 15 feste Kunden hast, dann melde ein Gewerbe an“: Ich entwarf mir meine eigenen Visitenkarten, schnappte mir den Opel von Opa Ludwig und machte mich auf den Weg.
Ich hatte nach einem viertel Jahr 27 feste Kunden und wollte nicht mehr selbstständig werden.
Es waren Optiker, Textilunternehmen, Schuh-/ und Uhrenläden – alles wirklich tolle Kunden, bis auf ein Raumausstattungsunternehmen aus Kitzingen. Die Liste seiner Hinterhältigkeiten ist lange und die meiner daraus gezogenen Erfahrungen ebenfalls – ich konnte das nicht machen. Für die kreativen und organisatorischen Aufgaben war ich der richtige, aber  beim Geschäfte machen war ich zu sensibel, der Job ging mir an die Nieren und ich suchte mir einen festen Job.
Ich war also jung und brauchte das Geld. Was fällt einem da spontan ein?

Klaus am 2.3.09 12:00, kommentieren

Hab mein Rohr verloren

Sommer 1983 auf einem Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide.

Ich war 19 Jahre, Wehrpflichtiger und als Richtschütze auf dem Schützenpanzer „Marder“ einer von 9 Besatzungsmitgliedern. Wir befanden uns in einer sogenannten „Freilaufenden Übung“, was soviel bedeutete, wie „Auf erkannten Feind Feuer frei“ – selbstverständlich mit Übungsmunition.

Ich beobachtete durch meine Zielvorrichtung einen als Feind markierten Panzer auf 12.00 Uhr  200 Meter voraus. Der Befehl zum Feuern kam und....„da klemmt was“. Schnell noch mal alles überprüfen. Hier noch ein Rädchen drehen, da einen Knopf drücken und los. 
 Nun gab es auch den erhofften Knall, allerdings viel intensiver, als ich jemals zuvor eine Marder Bordkanone feuern gehört hatte. – Was noch? Nebel!
Eine so starke Rauchbildung hatte es vorher nie gegeben.

Kommandant Schindler befahl den sofortigen Rückzug in die gedeckte Stellung. Manni der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein und walzte alles Organische unter Zwei Metern nieder. Nun sollte es nicht mehr lange dauern, bis wir über Funkspruch des Schiedsgerichtes die Bestätigung über den Abschuss erhielten.

Wir kauerten in unserem engen, dunklen, auf 40 Grad erhitztem „Loch auf Ketten“, sahen uns schon vom Titelblatt der kommenden Ausgabe „Das Heer“ einträchtig heruntergrinsen, aber.. es kam nichts. Stille! Hatten wir wirklich nur Übungsmunition geladen?

Eine scheinbare Ewigkeit verging. Mein Kommandant entschloss sich, einen Blick über die Einstiegsluke aus dem Panzer zu werfen. Er sah hinaus. Dann ein Blick, der nichts Gutes verheißen sollte zurück. Schaute wieder hinaus und war den Tränen nahe.

Wir hatten unser eigenes Rohr abgeschossen! Die Kanone verloren, weg geworfen, entsorgt.
Nennen es, wie du willst.

Das Ding lag ca. 60 mtr vor uns im Waldboden und dampfte vor sich hin.

Einen Panzer ohne Kanone nimmt niemand wirklich ernst. Ich war für das Ding verantwortlich. Ich war erledigt. Die soeben eingetroffenen Schiedsrichter begutachteten das Debakel und belasteten unser Punktekonto schließlich mit ausreichend Strafpunkten, um aufzugeben. Nicht wegen des Rohrabschusses, sondern weil wir beim Bergen des selbigen keine Helme getragen hatten und den Luftraum außer acht gelassen hatten.

Das mit dem Rohr hatten die uns sowieso nicht abgenommen.

Ich musste einige Verhöre über mich ergehen lassen. Das für den Abend anberaumte Fußball Lagerderby „Nachschub gegen Jäger“ durfte ich nur angucken, statt mitzuspielen - wo ich doch gesetzt war.

Bei meiner Rückkehr in die Stammeinheit wurde ich empfangen wie Kutzop in Bremen nach seinem verschossenen Elfmeter gegen die Bayern.
Ich wurde frei von Schuld gesprochen – Untersuchungen ergaben, dass das Waffengehäuse einen Haarriss hatte – Viele Grüße an Manni - den Fahrer, Müller - den Funker und Hauptfeld Schindler.

Ich denke mal, das passiert auch nicht jedem.

 

2 Kommentare Klaus am 16.2.07 16:40, kommentieren

Mia's Geburt

Brief an Mia:
Wir haben uns wieder beruhigt.
Mittlerweile sind fast 5 Monate ins Land gegangen –damals habe ich diese Zeilen verfasst-
In diesen 5 Monaten haben sich solch große Veränderungen und  Einschnitte in mein Leben und noch mehr in Christines Leben ergeben, dass es dafür nur einen Namen gibt „Mia“.
Am Samstag den 20.08. 2005 hat Christine bereits beim Frühstück davon gesprochen, dass Sie Unterleibschmerzen hat. Leichte wohl gemerkt und nach kurzer Selbstdiagnose als Magenverstimmung oder Übelkeit diagnostiziert - Wunschdenken.
Selbst wenn Christine –hochschwanger- schon die Eröffnungswehen gehabt hätte, wäre ihr die alternative eines verdorbenen Magens eher in den Sinn gekommen, als das beginnende Finale einer Geburt.
Wir sind also noch einmal alle Mahlzeiten der vergangenen Tage im Geiste durchgegangen.
Entwarnung! Es haben wohl keine Verbrüderung von Schimmelbakterien mit Lebensmitteln statt gefunden, aber das war ja eigentlich auch klar.

Ich habe mich also auf den Weg in die Stadt gemacht. Ein paar Besorgungen, nichts großes. Es war ein sehr schöner, sonniger Tag.

Mein Arbeitskollege Rainer lief mir dabei über den Weg und wir gönnten uns die Zeit auf einen Milchkaffee im Schönborn, als gegen 11.30 mein Handy klingelte. CHRISTINE stand da auf meinem Display umrahmt von 3 kleinen Glöckchen die tanzten, was im übrigen immer so ist bei Anrufen, deren Absender im Adressbuch stehen.
Schon seit Freitag hatte ich jenes beklemmende Gefühl in der Magengegend, das man vor den meisten großen, wirklich großen Ereignissen bekommt. Ein streich der Natur oder doch eine Lebensmittelvergiftung?
Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken, als am anderen Ende der Leitung eine vertraute Stimme sagte:“ Ich glaube es geht langsam los. Kannst du bitte ganz schnell nach Hause kommen“:
Ich eilte so schnell es ging nach Hause und all diejenigen, die ich bei diesem „Trip“ über den Haufen rannte oder nicht gegrüßt hatte, mögen es mir verzeihen.
Ich kam mir vor, wie Jonny Depp auf Drogen in „Leaving Vegas“.
Alles war verzerrt, unwirklich, rauschte an mir vorbei.
Magensäure krabbelte in meiner Brust nach oben. Kann Magensäure eigentlich krabbeln? Egal.
Als ich dann nach Hause gekommen, erwarteten mich Christine und Ihre Freundin Martina „die Anwältin“. Es gibt zwei Martinas in Christines Leben. Ich handhabe die Benamung wie Ermittler in einem Raymond Chandler Krimi. Joe die Lippe oder Bob der Schneider  findet man immer, wenn man am Tresen fragt. Keine Nachnamen.
Die zweite im Bunde ist also Martina die Weltreisende. Selbsterklärend, wie ich finde.
Es wäre Christine furchtbar peinlich gewesen, wenn wir in die Klinik gefahren wären und das ganze hätte sich als „Fehlalarm“ entpuppt. Deshalb haben wir auch alle Register aus dem Fundus der 6 Kurse an der Hebammenschule gezogen, die wir Wochen zuvor über uns ergehen ließen.
 

Uhrenvergleich, Zeiterfassung auf einem Stück Papier (ich glaube ich hab das noch). Wann tut’s weh, wann lässt der Schmerz nach? Die Abstände wurden kürzer. Nur noch 30 Minuten, statt der vollen Stunde. Nur noch 15, 12, 10 Minuten.

Nun noch der Trick, der den Profi vom Leihen unterscheidet. Ein warmes Sitzbad in der Wanne. Wenn sich dieser bestimmte Schmerz auch hier noch ungeniert fortsetzt, dann ist es wohl doch keine Magenverstimmung und wir bekommen ein Baby.

Christine musste schon etwas in dieser Art geahnt haben, da sie alles Notwendige für einen Besuch im Krankenhaus vorbereitet hatte.
Die legendäre „Tasche“ war gepackt! Wir fuhren also in die Uniklinik! Um genau zu sein in die Frauenklinik und um noch genauer zu sein zur Entbindungsstation. Endlich durfte ich auch auf diesen heiligen Boden parken, für den man eigens eine Parkerlaubnis beim Pförtner erwerben musste. Es waren nur 6 Parkplätze, nicht mehr.
6 – Zufall, dass ich mit dieser Trikotnummer meine größten sportlichen Erfolge feierte?
Endlich hatte der Bauch von Christine auch für mich seine Vorteile.
Ich war entschädigt worden für die letzten 9 Monate – Nein, mit der 9 hatte ich keine großen Erfolge.
Schnell fanden wir den Weg zur Eingangsuntersuchung.
Echte Wehen! Wowh! Es sind tatsächlich echte Wehen, keine Magenverstimmung. Wir durften bleiben. Christine viel ein Stein vom Herzen. Allerdings wurden nun die Schmerzen immer schlimmer und das in immer kürzeren Abständen. Notwendiges musste erledigt werden. Den Darm entleeren und die Herztöne des Babys beobachten. Bis auf die Darmgeschichte war ich nun ständig an Christines Seite.
Eine sehr streng wirkende Ober-Hebamme (diese Art First-Drill-Sergeant aus den frühen Schwarz-weiß Western, bei denen noch Mickey Rooney die Hauptrolle des guten Helden gepachtet hatte) ermutigte uns auf einen kleinen Spaziergang im Garten der Klinik. Nein, Sie hatten keinen Zigarrenstumpen im Mundwinkel und ja, die Schmerzen wurden heftiger und die Abstände kürzer, wie dass so sein muss.
Christine hat diese Art Schmerzen zu unterdrücken, von denen sich Doppelagenten beim Verhör eine Scheibe abschneiden könnten. Nur ein zusammenkneifen der Augen, ein zerquetschen der Gegenstände, die sie gerade in oder besser an der Hand hatte und ein Jammern - kein Schreien.
War das Jammern von mir weil sie mir gerade die Finger zerquetschte? Egal.
Nach einer guten Viertelstunde gingen wir zurück und bekamen unseren Kreissaal zugewiesen.
Nein, nicht die Nummer 6, wie kommst Du denn darauf.
Ich war Positiv überrascht in Sachen Einrichtung. Weder erinnerte es an das viel zitierte Schlachthaus, noch war alles mit grauen Fließen übersäht. Ein Bett, ein Waschbecken, eine kleine Sitzgruppe. Das war’s. Einen Fernseher hatte ich erhofft, machte dann aber besser kein großes Aufsehen darum. Wir bekamen alle halbe Stunde Besuch von der Ober-Hebamme in Begleitung einer Auszubildenden. Mittlerweile war es früher Abend – ca. 18.00 Uhr und wir entschlossen uns, eine PTA (Rückenmarknarkose) legen zu lassen. Bei Christine, nicht bei mir.
Der sehr nette Anästhesist legte die Leitungen sehr fachmännisch, worauf hin es Christine gleich etwas besser ging.
Durch die ständige Kontrolle waren wir stets auf dem Laufenden.
Muttermund nun 4 cm geöffnet. Muttermund nun 6 cm geöffnet. Fruchtblase gegen 22.00 Uhr geplatzt. Alles im grünen Bereich. „So muss es sein“ lagen mir die Worte der Hebamme noch im Ohr, als uns mitgeteilt wurde, die Kleine hätte sich ungünstig gedreht und steckt nun mit Ihrem Kopf im Geburtskanal fest. So können sie nur per Kaiserschnitt zur Welt kommen. Was dann geschah ähnelte schon mehr meinen düsteren Vorstellungen, mit denen ich angereist war. Die Chefärztin der Frauenklinik, zwei weitere Ärzte, eine Ober-Hebamme und zwei ausgebildete Hebammen waren in purem Aktionismus.
Alle 30 Minuten ein Fitnessscheck des Kindes und der Mutter.
Man stelle sich vor: Mit einer kleinen Spitze wird die Kopfhaut des Kindes angeritzt um Blut zu entnehmen. Damit rennt dann der Assistenzarzt ins Labor und ermittelt die Fitnesswerte des Ungeborenen.
Alle 30 Minuten Stellungswechsel der Mutter. Immer wieder die Frage: „Frau Schröder, es ist Ihre Entscheidung – machen wir noch einen Versuch?“
Viele Hände tasteten im Laufe der Nacht Mias Köpfchen durch den Unterleib Ihrer Mutter ab. Für mich schon fast an der Grenze des zumutbaren. Christine ließ all das ohne Jammern und Klagen über sich ergehen, sie hatte nur diese Angst in Ihren Augen stehen. Beide wart ihr wirklich sehr tapfer und stark. Du hast gekämpft wie eine Löwin und hattest bis Sonntag früh um 3.45 Uhr konstante Werte. Dann wurde das Risiko zu groß. Man einigte sich auf den Kaiserschnitt. Alles ging sehr schnell. Christine wurde in den OP geschickt und entsprechend vorbereitet. Ich warf mich in meine OP Klamotten und spürte den Spirit von Emergency Room, der Lieblingsserie deiner Mama. Ich war für einen Moment George Clooney. Nach kurzer Zeit im Warteraum durfte ich wieder zu Christine. Sie war mit vielen Schläuchen und Justierbändern an den Handgelenken versehrt. Ihr Blick war nun noch ängstlicher, ihr Körper zitterte stark.
Hinter einer blauen Abdeckung standen die Chefärztin, ein weiterer Arzt und ein Assistent. Ein kurzes „Ok, wir fangen nun an“ gefolgt von Blutspritzern an der blauen Stoff-Abdeckung ließen mich in eine Art Lethargie verfallen. Zum ersten mal an diesem Abend fühlte ich eine kurze Phase der Erschöpfung in mir hochkommen. Christine bat mich, mit ihr zu reden, so kam ich wieder zu Sinnen. Die Sekunden nahmen kein Ende, bis endlich das Schreien von Mia zu hören war.
Augenblicklich schossen Christine Tränen der Freude in Ihre Augen und spülten die Zeichen der Angst hinfort. Es schien, als hattest du ein außergewöhnliches Organ, wie einstimmig das fachkundige Publikum vernehmen lies. Nach kurzer Grundreinigung bekam ich Dich in meine Arme gelegt. Zerknittert mit einem weißen „etwas“ überzogen und rotem Kopf lagst Du da und sahst uns beide an. Diesen Moment bedauert Christine bis heute noch, weil bei einer Geburt ohne Komplikationen und Kaiserschnitt die kleine Erdenbewohnerin Mia in Ihre Arme gelegt worden wäre.
Mütter haben das auch verdient.
Erst im Nachhinein begann ich zu begreifen, was es bedeutet ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. Solche Mütter fühlen sich in den ersten Wochen und Monaten nicht vollwertig, fühlen sich als Versagerrinnen. Von den Schmerzen der Operation und deren Folgen wie Narbenbildung mal ganz abgesehen. Ich denke, ein Mann kann das nicht ganz verstehen. Gerade wenn einer wie ich gesehen hat, wie tapfer seine Frau war.
Für das Kind stellt es sich noch Komplizierter dar. Von fehlenden wichtigen Enzymen, die sich das Kind über die Schleimhäute im Geburtskanal holt, über das buchstäbliche „herausreisen“ aus dem Mutterleib bis hin zu „Versagensgefühlen“ weil die Anstrengungen des Kindes nicht durch eine normale Geburt belohnt wurden ist in den Fachbüchern die Rede.
In der Tat benötigtest Du sehr lange, um „anzukommen“ im Leben außerhalb des behüteten Mutterleibes. Wie können sich Frauen aufgrund ästhetischer Argumente nur dazu bewegen lassen, den Kaiserschnitt einer normalen Entbindung vorzuziehen.
 
Zurück zu den Geschehnissen: Die neue Kleinstfamilie befand sich nun in der Warteschleife, was mich erstmals an diesen Abend sehr wütend werden lies. 2 Stunden lang passierte nichts.
Erst später erfuhr ich davon, dass es sich bei der Prozedur um die Stabilisierung aller Beteiligten handelte. Und da war dann noch eine Schwester, die wie aus dem nichts hinter einem Vorhang erschien und mit grellem Blitzlichtgewitter das erste Foto von Dir schoss. Papparazzis in der Uniklinik dachte ich.  „Für die Entbindungsstationsstatistik und ein Erinnerungskärtchen“ sagte sie.
Mia, die sich zu diesem Zeitpunkt in den Armen ihrer Mutter wieder beruhigt hatte, ergriff erneut das Wort und schlug erfolgreich den Feind in die Flucht. Unsere Blicke trafen sich in der bereits bestätigten Befürchtung, welch stimmgewaltige Tochter wir da haben.
Der Vollständigkeit halber für die Ingenieure dieser Welt noch folgende technische Daten:
Mia Schröder, 21.08.2005 * 04.19 Uhr* 48 cm * 3080 gr. 
Gegen kurz vor Neun Uhr Morgens, war es für mich an der Zeit meinen Triumph gebührend zu genießen. Will sagen ich benötigte dringend eine gute Tasse Kaffee. Ich fuhr, wohl wissend um den stabilen Zustand meiner Lieben ins Kaffee Haupelshofer, bestellte eine Tasse Milchkaffee und ein Croissant mit Nutella. Ich muss wohl wie eine Schaufensterfigur da gesessen sein. Meine Gedanken schweiften in die Ferne und ich genoss diesen Zustand des „fallen lassen“.
Zufall, dass ich mal Dekorateur gelernt habe? Egal!
Ist das gerade eben alles mir passiert? Bin ich nun tatsächlich Vater einer Tochter?
Zuhause angekommen beschäftigte ich mich mit unwichtigen Aufräumarbeiten, rief Christines Familie (erst Schwester Steffi und anschließend die Eltern) an und meldete mich bei Mama zum Mittagsessen an. „Christine geht’s so lala, sie hat sich etwas hingelegt und ich bin eh in der Gegend“ ließ ich wissen und freute mich auf die Gesichter meiner Eltern beim Verkünden der frohen Botschaft.
Draußen in Giebelstadt – meiner Heimat – angekommen konnte ich nur ein paar Minuten warten, dann kam gespielt ganz nebenbei die Info um die Enkeltochter. Alles kam wie erwartet. Mama weinte und Papa schaute mich an, wie er das immer tut. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Angekommen!
Apropos weinen: Als ich beim aufräumen im Radio Elvis mit „In the Ghetto“ hörte, machte ich mich aufs Sofa um inne zu halten. Eine Träne kullerte über meine rechte Wange.
Angekommen!
 

Ich war und bin auch heute noch sehr stolz auf das, was Christine und Mia in diesen 18 Stunden geschafft und ausgehalten haben. Nicht zu vergessen die 10 Monate Schwangerschaft, in denen Christine kein Risiko einging. Ab dem ersten Tag keinen Alkohol. Keine Tabletten, immer gesundes Essen auf dem Tisch und viel Bewegung. So wie meine Mama das bei mir und meinem großen Bruder Michael gemacht hat. Wenn du, liebe Mia dich einfach mal so bedanken willst, weil du so zauberhaft bist, wie du eben bist, dann geh zu deiner Mama und bedank dich bei Ihr.

1 Kommentar Klaus am 19.2.07 12:19, kommentieren